Von Achim Schiff
KONZERT Licher Kantorei in Guntersblum
Eine akustische Andacht verzauberte die Besucher in der evangelischen
Kirche am lauen Sonntagabend. Seit über 125 Jahren „verkündet“ die
Marienstiftskantorei Lich Glaubensbotschaften musikalisch. Der heute von
Christof Becker geleitete Chor aus Nordhessen hatte zu einer höchst
abwechslungsreichen Klangreise - von der späten Renaissance bis in die
Gegenwart- eingeladen.
Adam Gumpelzhaimer (1559-1625), Hans Leo Hassler und Heinrich Schütz
stehen noch in der Tradition vor dem ewigen Erneuerer Bach. Wenn das
junge Ensemble absolutes Gottvertrauen und Lobpreis so inbrünstig
interpretiert, zeigt sich auch, wie aktuell der große Themenkomplex
„Hoffen und Leben“ der alten Meister heute noch ist. Robert Schumanns
200. Geburtstag hat Chrisof Becker auf der einstigen Stumm-Orgel zudem
gefeiert. Da umrahmen die für Pedalflügel komponierten Kanons (op 56/ 1
und 6) Stimmwunder. Und jeder spürt, dass im romantischen Herz ein viel
stärkeres Organ pocht, als wir Schwärmer annehmen. Meisterlich
kommentiert seine „Fuge Nr. 1 über den Namen B-A-C-H“ tradierte Form.
Und somit erhellt sich, warum diese langsamen Variationen gerade nach
größter Herausforderung durcherklingen. Ebenso einfühlsam wie impulsiv
stellt der Chor Bachs berühmte Mottete „Der Geist hilft unserer
Schwachheit auf“ (BWV 226) vor. Der berühmte Thomaskantor hätte
jubiliert, wie ausdrucksstark seine 1729 komponierte Totenehrung Zeiten
überdauert.
Paulus’ Schelte an die Römer trifft sich mit Luthers Offensive „Komm,
heiliger Geist“. Optimismus statt Demut finden Gehör, weil
„vielharmonische“ Münder davon erzählen: „Der aber die Herzen forschet,
der weiß, was Gott gefällt.“ Nachspürbar auch, wenn schließlich Schumans
gläubiger Zeitgenosse Felix Mendelssohns Bartholdy fordert: „Richte
mich, Gott“. Geprägt von effektivem Wechsel zwischen lichten
Frauenstimmen und tiefen Bass, verwundert der achtstimmige Chorsatz.
„Hebe deine Augen“ singen eben nur feminine Stimmen. Wird Emanzipation
als romantische Idee vorgetragen, oder fordert sie noch?
Zum Finale deutet der erst 1961 geborene Stuttgarter Kai Johannsen den
Psalm 150 neu: Sein „Laudate Dominum“ löst befreienden Beifall aus. Denn
zuvor hat das Auditorium andächtig geschwiegen. Gefällige Moderne
inspiriert.
Als Zugabe schicken für Chor überarbeitete Zitate aus Mendelsson
Barthodys „Elias“ das begeisterte Publikum „auf all seiner Wege“.
Beifall klagt Wiederhören ein. Durchaus wahrscheinlich: Denn die Gäste
aus der Bierstadt Lich fühlen sich im weinseligen Rheinhessen gut
betreut wohl.
Pfarrer Johannes Hoffmann schätzt zudem seine einstige Nachbarin und
Kollegin Barbara Lang aus „Vogelsberger Tagen“.




