Musikalische Botschaften - Allgemeine Zeitung

23.06.2010 - GUNTERSBLUM

Von Achim Schiff

KONZERT Licher Kantorei in Guntersblum

Eine akustische Andacht verzauberte die Besucher in der evangelischen Kirche am lauen Sonntagabend. Seit über 125 Jahren „verkündet“ die Marienstiftskantorei Lich Glaubensbotschaften musikalisch. Der heute von Christof Becker geleitete Chor aus Nordhessen hatte zu einer höchst abwechslungsreichen Klangreise - von der späten Renaissance bis in die Gegenwart- eingeladen.
Adam Gumpelzhaimer (1559-1625), Hans Leo Hassler und Heinrich Schütz stehen noch in der Tradition vor dem ewigen Erneuerer Bach. Wenn das junge Ensemble absolutes Gottvertrauen und Lobpreis so inbrünstig interpretiert, zeigt sich auch, wie aktuell der große Themenkomplex „Hoffen und Leben“ der alten Meister heute noch ist. Robert Schumanns 200. Geburtstag hat Chrisof Becker auf der einstigen Stumm-Orgel zudem gefeiert. Da umrahmen die für Pedalflügel komponierten Kanons (op 56/ 1 und 6) Stimmwunder. Und jeder spürt, dass im romantischen Herz ein viel stärkeres Organ pocht, als wir Schwärmer annehmen. Meisterlich kommentiert seine „Fuge Nr. 1 über den Namen B-A-C-H“ tradierte Form. Und somit erhellt sich, warum diese langsamen Variationen gerade nach größter Herausforderung durcherklingen. Ebenso einfühlsam wie impulsiv stellt der Chor Bachs berühmte Mottete „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (BWV 226) vor. Der berühmte Thomaskantor hätte jubiliert, wie ausdrucksstark seine 1729 komponierte Totenehrung Zeiten überdauert.

Paulus’ Schelte an die Römer trifft sich mit Luthers Offensive „Komm, heiliger Geist“. Optimismus statt Demut finden Gehör, weil „vielharmonische“ Münder davon erzählen: „Der aber die Herzen forschet, der weiß, was Gott gefällt.“ Nachspürbar auch, wenn schließlich Schumans gläubiger Zeitgenosse Felix Mendelssohns Bartholdy fordert: „Richte mich, Gott“. Geprägt von effektivem Wechsel zwischen lichten Frauenstimmen und tiefen Bass, verwundert der achtstimmige Chorsatz. „Hebe deine Augen“ singen eben nur feminine Stimmen. Wird Emanzipation als romantische Idee vorgetragen, oder fordert sie noch?

Zum Finale deutet der erst 1961 geborene Stuttgarter Kai Johannsen den Psalm 150 neu: Sein „Laudate Dominum“ löst befreienden Beifall aus. Denn zuvor hat das Auditorium andächtig geschwiegen. Gefällige Moderne inspiriert.

Als Zugabe schicken für Chor überarbeitete Zitate aus Mendelsson Barthodys „Elias“ das begeisterte Publikum „auf all seiner Wege“. Beifall klagt Wiederhören ein. Durchaus wahrscheinlich: Denn die Gäste aus der Bierstadt Lich fühlen sich im weinseligen Rheinhessen gut betreut wohl.

Pfarrer Johannes Hoffmann schätzt zudem seine einstige Nachbarin und Kollegin Barbara Lang aus „Vogelsberger Tagen“.