„Elias“ in Licher Marienstiftskirche voller Emotionalität und Dramatik - Giessener Anzeiger - 01.12.2009

„Elias“ in Licher Marienstiftskirche voller Emotionalität und Dramatik - Giessener Anzeiger - 01.12.2009

Am ersten Advent zündet die Christenheit in aller Welt ein Licht an, um nach alter Tradition die baldige Ankunft des Heilands zu feiern. In Lich ging an diesem Tag von einem anderen Ereignis ein heller Schein aus: Gemeint ist die an musikalischen Höhepunkten reiche „Elias“-Aufführung in der Marienstiftskirche.

Unter der Leituung von Kantor Christof Becker gelang eine Wiedergabe voller Emotionalität und innerer Dramatik, die die zahlreichen Zuhörer von Anfang an in ihren Bann zog. So dankte das bewegte Publikum allen Beteiligten nach fast dreistündiger Aufführung mit überaus herzlichem Applaus.


Die Arbeit eines guten halben Jahres trug an diesem Abend reiche Früchte. Die von der Kammerphilharmonie Bad Nauheim begleitete Marienstiftskantorei und die vier Gesangssolisten leisteten Hervorragendes und legten eine insgesamt klangschöne Darbietung mit guter Wortverständlichkeit vor. Die Fülle der musikalischen Einfälle und Stimmungen tat ihre Wirkung, und romantischer Glanz leuchtete allenthalben auf.

Felix Mendelssohn Bartholdys (1809 bis 1847) Oratorium aus dem Jahre 1846 stellt den alttestamentarischen Propheten Elias in den Mittelpunkt des Geschehens. Er ist ein religiöser Eiferer und Agitator, der zur Durchsetzung seiner Ideen die Priester des Baal abschlachten lässt. Mendelssohn sah in dem blutrünstigen Stoff eine Art Opern-Ersatz, und tatsächlich lassen sich opernhafte und dramatische Züge bei ihm nicht leugnen.

Mitreißend und effektvoll war die Licher Aufführung in jedem Moment. Der „Elias“ war 2002 das erste große Werk, das sich damals der neue Marienstiftskantor vorgenommen hatte. Nun, im Mendelssohn-Jahr 2009, stellt sich Becker wieder ganz in den Dienst dieser Musik, spornt Sänger und Instrumentalisten unablässig an, präsentiert die fein herausgearbeiteten Details und setzt wohlüberlegt Akzente. Und der straff geführte Chor glänzt mit Stimmpracht, sauberer Intonierung, feiner Nuancierung und einem großen dynamischen Potenzial, sei es in den zauberhaften Engels-Chören („Denn er hat seinen Engeln befohlen“, „Hebe deine Augen auf zu den Bergen“), dem Ohrwurm „Siehe, der Herr Israels schläft noch schlummert nicht“ oder in dem tonmalerischen Stück „Der Herr ging vorüber“, in dem Sturm, Meer und Feuer musikalisch geschildert werden. Hier stimmte jede Nuance, als alle rasenden Elemente vorbeigezogen waren und der Chor in die Still hinein flüsterte: „Und in dem Säuseln nahte sich der Herr.“

Für den angekündigten prominenten Gast, den erkrankten Bassisten Peter Lika, war kurzfristig dessen Sohn Maximilian eingesprungen, der sich mit seiner kräftigen, ausdrucksvollen und weit tragenden Stimme sehr gut in die Aufführung einfügte. Geschmeidig, lebendig und stimmgewaltig traf er für die zornigen Ausbrüche des Elias genau den richtigen Ton, schien aber an den empfindsamen Passagen noch mehr Gefallen zu finden. In Erinnerung bleiben gewiss das mit Emphase vorgetragene „Herr Gott Abrahams, Isaak und Israels“ und die ergreifende Arie „Es ist genug“.
Tenoralen Schmelz und Glut steuerte Andreas Wagner bei, der die schwärmerischen Arien des Obadjah „So ihr mich von ganzem Herzen suchet“ und „Dann werden die Gerechten leuchten“ mit tiefer Empfindung sang. Mit ihrer klaren, aber nicht sehr kräftigen Stimme schlug sich die Sopranistin Maria Zeitler wacker; lieblich ihre Engel-Arie „Sei stille dem Herrn“. Zu den bewegenden Momenten der Aufführung zählte das Arioso „Weh ihnen, dass sie von mir weichen“, das die Altistin Martina Borst mit der gehörigen Innigkeit interpretierte. Sie machte das Quartett der Solisten mit ihren plastischen Vorträgen komplett.

Das positive Gesamtbild rundete die Kammerphilharmonie Bad Nauheim ab, die in der Ouvertüre zwar etwas zu holzschnitzartig und kraftmeierisch auftrumpfte, dann aber von Becker zurückgenommen wurde und bis zum Ende souverän die Begleitung des Chores und der Sänger übernahm.

Giessener Anzeiger - 01.12.2009