Elias - standhaft wider die Götzenanbetung - Giessener Allgemeine - 01.12.2009

Blumen für die Solisten Maria Zeitler (Sporan), Martina Borst (Alt), Andreas Wagner (Tenor) und Maximilian Lika (Bass), der für seinen verhinderten Vater eingesprungen war. Rauschender Beifall für ein musikalisches Erlebnis besonderer Güte, für ein Werk des Komponisten Felix Meldenssohn Bartholdy, in dessen Zentrum der Kampf zwischen Polytheismus und Monotheismus steht. Letzterer verkörpert durch den Propheten Elias, der im Judentum nach Moses als zweitwichtigster Prophet gilt und die Standhaftigkeit in Zeiten der Götzenanbetung symbolisiert.
Mit seinem Fluch-Rezitativ beginnt das Oratorium, musikalisch inszeniert durch eine Kette fallender Tritoni, die einem Leitmotiv ähnlich wiederkehren werden. Dann die Ouvertüre, in der der Komponist die Trockenheit, die Not und die Verzweiflung musikalisch verdichtet, das Crescendo im »Hilf, Herr!« des Chores kulminiert.
Nach der ruhig vorgetragenen Tenorarie »So ihr mich von ganzem Herzen suchet« von Andreas Wagner der wuchtig-kontrastreiche Choreinsatz, in dem sich die leitmotivischen »Teufelsintervalle« wiederholen.
Der Klage des Volkes folgt Elias’ Weg in die Einsamkeit, zum Bach Krit, wo ihn die Raben nähren, in die Stadt Zarpat, wo er in anrührender Zuneigung, bald schon mit inbrünstigen und von den Bläsern intonierten Stoßgebeten den toten Sohn einer Witwe zum Leben erweckt, nachdem ihm in dem berühmten Doppelquartett die Engel ihren Schutz verheißen haben.
Nun ist er der starke, kämpferische Prophet, der sich spottend gegen die Vielgötterei des Königs Ahab und dessen Gemahlin Isebel, die dem Baalskult anhängen, aufbegehrt, sie herausfordert, zur Feuerprobe auf dem Berg Karmel. Eine Machtprobe, bei der sich Elias seines Sieges gewiss ist. Und wie das abtrünnige Volk anstimmt: »Ja, welcher Gott nun mit Feuer antwortet, der sei Gott«, hat diese Sequenz in ihrer sanften Bestimmtheit etwas Beschließendes.
Vergebens rufen sie »Baal, erhöre uns!« Der Ruf bleibt leer. Zu oft wiederholt sich das harmonisch sparsam gesetzte, in seinen übermäßigen Akzenten neurotisch anmutende Motiv, in leicht tremolierender Stimmführung wächst Elias’ Spott: »Rufet lauter, rufet lauter!«
Die Extase des Volkes weicht seiner Verzweiflung, die Generalpausen vermitteln sein angespanntes Warten und die Genugtuung des Propheten zugleich. Und das entrüstete Volk lauscht der intimen Gebetsarie »Herr, Gott Abrahams«, die von Lika halb süßlich eifernd, halb demütig vorgetragen wird.
Es ist diese Ambivalenz, die Elias auszeichnet. Unheimlich die Beschwörung »Der du deine Diener machst zu Geistern«, woraufhin der nach es-Moll unvermittelt erklingende Dominantseptakkord auf H das tumultartige Feuerspektakel einleitet, welches das Volk von Elias’ Botschaft überzeugt. »Greift die Propheten Baals (...) und schlachtet sie daselbst!«
Kaum zu glauben, dass Mendelssohn Bartholdy das Libretto des Theologen Julius Schubring noch abmilderte. »Ist nicht des Herrn Wort (...) wie ein Ha-Ha-Hammer«, fragt Elias sich überschlagend in seinem Triumph, und als kein Regen fällt, wächst die Spannung. Er muss seinen Herrn ermahnen: »Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit.«
Ein mächtiges Anschwellen des Orchesters verkündet die heraufziehenden Wolken, Streicherkaskaden machen den erfrischenden Regen fast spürbar, rhythmische Sprünge im melodischen Ablauf bekunden den Jubel. Pause.
In seinem Übermut klagt Elias Ahab abermals an, sich gegen sein Volk und den wahren Gott versündigt zu haben, wodurch er den Zorn Isebels auf sich zieht, die nun gegen ihn hetzt. Sterben müsse er, brüllt das leicht verführbare Volk. Instrumentale Schürzung, Paukenschläge unterstreichen seinen dräuenden Willen und der Trost des getreuen Obdajah nützt ihm nichts: Elias zieht sich zurück in die Wüste. Tiefe Schwermut überkommt ihn.
Ansonsten kompositorisch raffiniert gedichtet, ist es an dieser Stelle äußerste Schlichtheit, die seine Resignation zum Ausdruck bringt. »Es ist genug« und »ich begehre nicht mehr zu leben« lautet der Vers nach Hiob in der Arie, in der viele des Komponisten eigene Depression wiederzuerkennen meinten und die sehr ergreifend von Likas gesungen wird. Fast haucht er am Ende »Nimm nun, o Herr, meine Seele!«
Und weitere lyrische Klagen folgen bis ihm ein Engel in Gestalt von Martina Borst erscheint, die in der volksliedhaften Arie »Sei stille dem Herrn« flötenbetont neuen Mut zuspricht.
Allmählich nähert sich das Finale. Theophanie und Himmelfahrt, denen retardierende Posaunen vorausgehen, ehe das Oratorium in seine Schlüsselszene vordringt: Naturgewalten brechen ein, die Erde bebt, es stürmt und tost, es brennt; fulminant baut sich das Orchester zu immer neuen und mächtigeren Klangwellen auf, bis die imposante, alles durchdringende Polyphonie verebbt, auf dass Gott sich nähert, in nichts weiter als einem sanft-erlösenden Säuseln, das in zarter, heller Stimmung aufgeht.
Hier wollte der Komponist sein Werkt beenden, doch Schubring drängte auf eine christologische Deutung. Feierlich singt der Chor »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr Zebaoth« und verweist somit auf die Dreifaltigkeitslehre des Christentums. Hymnisch deutet er unter Fanfarenstößen Elias’ Wiederkehr an, und Wagners Stimme scheint selbst zu glühen, als er das Leuchten der Gerechten prophezeit. In »Aber einer erwacht von Mitternacht« entfalten sich noch einmal herrliche Klangteppiche, über denen strahlende Stimmen schweben und in dem »Wohlan, alle die ihr durstig seid« meint man, dass ein Kranz geflochten wird zu einem bewegenden Heilsversprechen: »Neigt euer Ohr, und kommt zu ihm, so wird eure Seele leben.«
Schwungvoller Einsatz des Schlusschores, zunehmende Dynamik, noch einmal volles Volumen, dann Fassung und Überleitung in die unendlich aufstrebende Klangsäule.
Und dann ist Schluss. Amen. (Foto: mlu)
Giessener Allgemeine - 01.12.2009




