Barocke Welt hinter dicken Mauern - Gießener Anzeiger - 10.05.2010
Belebend-inspirierende Marienstiftsvesper zum Historischen Markt in Lich
Thomas Schmitz-Albohn. Der Kontrast hätte nicht größer sein können: Draußen auf der Rathausbühne hämmerte laute Rockmusik, doch hinter den dicken Kirchenmauern der Marienstiftskirche waren die Zuhörer für eine gute Stunde zurück ins 17. und 18. Jahrhundert versetzt. Kantor Christof Becker hatte in der Marienstiftsvesper zum Historischen Markt in Lich zusammen mit Ghislaine Wauters (Viola da Gamba) und Gerd Schultz (Blockflöte) zu einem musikalischen Ausflug in die Welt des Früh- und Hochbarock eingeladen. Die inspiriert und mit sicherem Stilgefühl vorgetragenen Werke mit überwiegend heiterem Charakter ließen das laute Markttreiben vor der Tür für eine kurze Zeit in den Hintergrund treten.
Schon in dem leichtfüßig daherkommenden Eröffnungsstück, der verspielten Sonata Terza von Giovanni Battista Fontana, zeigte sich, wie gute der helle Ton der Sopranblockflöte mit der Orgel und dem dunklen, warmen Ton der Viola Gamba harmonierte. Hier wie auch später in der Conzano "La Berlasina" von Tarquinio Merula wirkte das Musizieren der bestens aufeinander abgestimmten Interpreten frisch und belebend.
Dass Händel, der Meister monumentalter Werke, auch charmante, intime Kompositionen geschaffen hat, führten Gerd Schulz, diesmal mit der Altblockflöte, und Christof Becker am Cembalo in der Sonate a-Moll op. 1 Nr. 4 eindrucksvoll vor. Und als sich in Georg Philipp Telemanns Trio F-Dur die Viola da Gamba hinzugesellte, schien in dem klaren, klangsinnlichen Vortrag immer wieder der in allen Sätteln sichere Meister hindurch, der ein untrügliches Gespür für die Wirkung seiner Musik besaß.
Mit leichtem Strich erzeugte Ghislaine Wauters wundersam schwebende Töne im Zusammenspiel mit Christof Becker an der Orgel in August Kühnels Variationen "Herr Jesu Christ, du höchstes Gut".
Jan Pietersoons Sweelincks tänzerische Cembalo-Variationen "Ballo del granduca", die sowohl rhythmisch als auch harmonisch äußerst verzwickt sind und daher dem Interpreten einiges abverlangen, waren bei Becker in den allerbesten Händen - genauso wie Bachs Orgelfantasie "Christ lag in Todesbanden", in der er sinnfällig gliedernd zu Werke ging. Die zahlreichen Besucher dankten mit herzlichem Applaus für die Darbietungen und erhielten als Zugabe ein englisches Madrigal, das die schöne Maienzeit besingt.
Gießener Anzeiger, 10.05.2010




