Vom Marienstift zur Marienstiftskantorei...

Eine "Kantorei" gab es in Lich bereits vor mehr als 600 Jahren. Das war aber im Gegensatz zu heute keine aus Laien bestehende kirchliche Singgemeinschaft, sondern ein Anwesen mit Scheuer und Stallungen, dessen Besitzer der Kantor war. Der Begriff des Kantors hatte zwar die gleiche Bedeutung wie heute - Leiter eines Chores -, darüber hinaus aber war der Kantor auch Priester des Marienstifts. Chöre im heutigen Sinne gab es damals jedoch überhaupt noch nicht, schon gar nicht in einer so kleinen Gemeinde wie Lich.

Wer sang also damals im Chor? Es waren zehn Geistliche mit ihren Vikaren und Schülern. Sie alle gehörten zum "Marienstift". Das Marienstift, 1316 von Philipp von Falkenstein gegründet, bestand nämlich aus einem zehnköpfigen Priesterkollegium und einer angegliederten Stiftsschule, in der vor allem der geistliche Nachwuchs herangebildet wurde. Solche Stiftsschulen waren Vorläufer der Universitäten und besaßen eine große Ausstrahlung auf das geistliche Leben jener Zeit.

Warum sangen diese Geistlichen? Laut Stiftungsurkunde hatten sie die Aufgabe, "das Lob Gottes und der seligen Jungfrau Maria mit schallender Jubelstimme gemeinsam zu besingen". Also nicht so sehr die Seelsorge, sondern der tägliche "Chordienst" zu den festgelegten Stundengebetszeiten war ihre Hauptaufgabe. Dieser Chordienst war deshalb von besonderer Bedeutung, weil nach mittelalterlicher Auffassung der Priester"chor" stellvertretend für die Gemeinde "das ununterbrochene Lob Gottes gemeinsam mit dem Chor der Heiligen und Engel" singen sollte.

Wo sangen die Geistlichen? Räumlich durch Gitter (Lettner) vom Kirchenschiff getrennt im Altarraum der Kirche, im "Chorraum".

Was sangen die Geistlichen? Melodisch reich ausgestattete lateinische ("gregorianische") Gesänge in kunstvoll gestalteten Gottesdiensten. Chorleiter war der Kantor, der musikalisch-liturgische Fachmann unter den Priestern. Einige der Melodien, die damals gesungen wurden, sind auch heute noch gebräuchlich, z.B. das Osterlied "Christ ist erstanden".

Wie sangen die "Chorherren"? Einstimmig, im Wechsel einzeln oder gemeinsam, vielleicht auch mit Begleitung der Orgel, die in Lich 1360 zum ersten Mal urkundlich erwähnt ist. Dies geschah ohne Anwesenheit einer kirchlichen Gemeinde. Deren Gottesdienste fanden gesondert statt, im Kirchenschiff, in dessen Mitte auch die alte Kanzel stand. Zum Chorraum hatten Laien keinen Zutritt.

Erst mit der Einführung der Reformation vollzog sich ein grundlegender Wandel, ein Prozess, der über ein halbes Jahrhundert währte. Im Gegensatz zum katholischen Verständnis (Priestergemeinde) wurde nach der Reformation die Laien-Gemeinde wieder zum Träger des Gottesdienstes. Die Folge war eine Wiederbelebung des Gemeindegesangs, die Schaffung deutschsprachiger Kirchenlieder, deren Melodien zum großen Teil weltlichen Volksliedweisen entlehnt waren. Diese Lieder verdrängten die lateinischen Gesänge fast völlig.

Wie wirkte sich die Reformation auf den Chorgesang aus? Von nun an spielten Schulknaben-Chöre eine wichtige Rolle. Ihnen wurde die Aufgabe übertragen, die neu entstandenen Kirchenlieder mit der Gemeinde einzuüben. (Die Begleitung des Gemeindegesangs durch die Orgel wurde erst im 18. Jahrhundert üblich.) Die Knabenchöre musizierten aber auch im lebendigen Dialog zwischen Liturg, Gemeinde und Orgel in mehrstimmigen Gesängen. Heute berühmte Knabenchöre, die ihren Ursprung in jener Zeit haben, sind z.B. der Dresdner Kreuzchor und der Leipziger Thomanerchor.

In Lich brauchte man die Stiftsgeistlichen mit ihren besonderen Chordiensten nun nicht mehr. An ihrer Stelle übernahmen Schüler der Stiftsschule, die im Laufe der Reformation einen großen Aufschwung erlebte, den Chorgesang. Schließlich blieben von den zehn Geistlichen des Marienstifts lediglich der Stiftsdechant und der Stiftspfarrer übrig. Aus dem Scholaster, dem Leiter der Stiftsschule, und dem Kantor wurden später die Schulmeister, die nun nicht mehr Theologen waren, aber immer noch nebenher kirchenmusikalische Ämter haben konnten.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts verlor sich allmählich immer mehr der Gedanken, der hinter den täglichen "Chordiensten" des Mittelalters gestanden hatte, nämlich den Gottesdienst durch kunstvolle Gesänge als vorweggenommene Himmelsfreude zu gestalten.

Die Predigt rückte in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Dem Chor- und Gemeindegesang kam dabei nur noch untergeordnete Bedeutung zu; er diente lediglich zur Umrahmung der Predigt. Diese Tendenz verstärkte sich im 18. Jahrhundert in der Zeit des Pietismus und der Aufklärung, bis der Gottesdienst nahezu eine reine Lehrveranstaltung wurde - weitgehend losgelöst von liturgischen Formen - ohne Sinn für Kirchenjahreszeiten mit den entsprechenden Texten und Gesängen. Das kirchliche Chorwesen wurde dadurch bedeutungslos. Stattdessen entwickelten sich außerhalb der Kirche als Folge eines neuen Zeitgeistes überall weltliche Singgemeinschaften. Diese "Chorvereinigungen", "Singakademien" und "Oratorienvereine", die zum ersten Mal auch Frauen in den Chorgesang einbezogen (sie ersetzten die bis dahin üblichen Knabenstimmen", verstanden sich als Mittel der Volksbildung und waren Ausdruck eines erwachenden Gemeinschafts- und Nationalbewusstseins.

Für Lich war in diesem Zusammenhang die Gründung des Männergesangvereins "Cäcilia" im Jahre 1838 von Bedeutung.

Ziel der weltlichen Chöre war in erster Linie die Pflege des Volksliedes. Daneben sangen sie aber auch geistliche Musik, jedoch nicht aus liturgischen, gottesdienstlichen, sondern aus allgemein religiösen Motiven heraus. Als zunächst von diesem Geist geprägt müssen wir auch die Gründung unseres Kirchengesangvereins im Jahre 1881 verstehen. Nicht Gesang als Lob Gottes, als eigenständige Form der Verkündigung neben dem gesprochenen Wort war also damals der Grund kirchlichen Singens, sondern vor allem die Verschönerung der Gottesdienste.

Bemerkenswert ist, dass sich in Lich bereits um 1820 ein Mann um einen gemischten kirchlichen Chor bemüht hatte: Heinrich Adam Neeb, Sohn eines Organisten der Licher Marienstiftskirche, später berühmt geworden als Chorleiter und Komponist. (Ihm verdankt der erste deutsche Männergesangverein "Germania" in Paris seine Gründung). Nach Neebs Weggang aus Lich löste sich dieser Chor aber bald wieder auf.

Die Rückbesinnung auf die alten Werte und auf das reformatorische Erbe, die "Kirchliche Erweckungsbewegung" am Anfang des 19. und die "Liturgische Erneuerung" am Anfang des 20. Jahrhunderts führten ganz allmählich zu einem "neuen" Verständnis des Chorgesangs. In Lich wurde aus dem "Kirchengesangsverein" der "Kirchenchor" und schließlich im Zuge der Wiedereinführung des Kantorenamtes die "Marienstiftskantorei".

Wenn heute eine vielstimmige Kantorei im selben Chorraum steht, wo einst unter der Leitung seines Kantors das zehnköpfige Priesterkollegium lateinische Gesänge zelebrierte, dann ist über alle Veränderungen im Laufe des Jahrhunderte hinweg die Zielsetzung wieder die Gleiche: Das Lob Gottes, zu allen Zeiten, bei vielen Gelegenheiten, in den verschiedensten Formen und nach bestem Vermögen. Der wesentliche Unterschied aber besteht darin, dass jetzt nicht eine auserwählte Gruppe geweihter Geistlicher singt, sondern Glieder der Christengemeinde selber, soweit sie im Chor singen wollen und können.

aus der Festschrift "100 Jahre Marienstiftskantorei"